whatis happening?

23.04.2020

Kintsugi

Auszug – BA2, Verbale Kommunikation; die Entdeckungsreise durch eine alte Antiquitätenstube und die Vergangenheit ihres Besitzers

[…] Luisa streifte durch den Laden.
Sie kannte viele Sachen hier bereits. Ihr Weg führte vorbei an schiefen Stehlampen, leeren Bilderrahmen und Ölgemälden, von denen die Farbe abplatzte.
Sie stand vor den Rücken unzähliger Bücher. Manche waren in goldener Schrift geschrieben, andere so abgegriffen, dass sie im Zwielicht fast untergingen.
In dieser Ecke des Ladens drang nur wenig Tageslicht durch die teils bunten Rechtecke der Fenster, klein und staubig wie sie waren.

Heute fiel ihr etwas bisher Ungesehenes weit hinten in einem der Regale auf: eine hellblaue Teetasse. Sie hatte einen tiefen Sprung.
„Die ist ja kaputt! Warum hast du die noch?“, wunderte sich Luisa.

Der Besitzer trat mit verträumtem Blick neben sie und schmunzelte.
„Die Tasse hab ich vor langer Zeit von ner Dame bekommen. Verrückt war die, sag ich dir.
Aber wie lebensfroh, meine Amelie...“
Er seufzte.
„Zuerst hab ich ihr gackerndes Lachen gehört. Ich war hinten, Tee kochen. Jemanden wie sie hatte ich vorher noch nie geseh‘n.
Sie trug n Barett, viele goldene Ringe und nen abgenutzten, aber hübschen Wollmantel.
Die Farbe hat mich ans Meer erinnert.“ […]

15.04.2020

keepsakes

Papa Amsel sitzt wie jeden Abend auf der schiefen Antenne des Dachs gegenüber.
Sein Lied schallt so laut durch den uns voneinander trennenden Innenhof, dass ich es bei offener Balkontür bis in mein Zimmer höre. Im Betreuten Wohnen nebenan läuft mittlerweile wieder der Fernseher.
Eine Naturdoku auf arte, vermutlich.

Auch am Balkon darunter wird gerade die Tür weit geöffnet, ohne dass jemand hinaus tritt. Stattdessen ertönt wenige Augenblicke später leises Klavierspiel. Gekonnt, nahezu routiniert, aber nicht aufdringlich.
Es vermischt sich mit Amselpapas Gesang und die drei, mittlerweile sattgrünen, Bäume schwanken hin und her, bewegt vom Wind, der den Abend über den Himmel weht.

Die Rotweingläser des goldigen Pärchens im 2. Stock sind halbvoll, die zwei Laternen bereits erleuchtet. Es ist egal wann man zu ihnen hinüber sieht – ihr kleines Großstadt­nest strahlt Wärme und Gemütlichkeit in den Innenhof. Ich frage mich, worüber sie reden, während sie an ihren Gläsern nippen.

Ich stelle mir vor, wie sie über einem Kreuzworträtsel lehnt und er ihr diebisch die Antworten vorsagt, kopfüber die Frage­feldchen lesend, während einen Balkon weiter weiße Hemden an lasch gespannten Leinen hängen, wo sie vermutlich die Nacht verbringen werden.

01.04.2020

Fernwehblau

BA2, Film und Animation – fiktives Title Design; Sprache fühlen, neu denken und greifbar machen

Jasper hat Legasthenie. Nicht nur Schreib­weisen, sondern auch das Verknüpfen von Wörtern mit Emotionen, Dingen und Eigenschaften fällt ihm schwer. Will er etwas erklären, fehlen ihm die Worte. Er redet wenig; sein Umfeld versteht ihn einfach nicht.
Er verwendet ungern „normale“ Worte. Deshalb beginnt er, Wörter zu erfinden. Wörter, die zeigen, wie es in seinem Kopf aussieht. Meist simpel, aber aussage­kräftig und verständlich. Um sie nicht zu vergessen, schreibt er sie mit vielen Recht­schreib­fehlern in ein Notizbuch…